Das Zeugnis als Zeichen und Ersatz für die Einheit

Serge Fornerod zur KEK-Vollversammlung in Novi Sad, 31.5.-6.6.2018

Fast 400 Teilnehmende aus 34 europäischen Ländern, davon 146 Delegierte mit Stimmrecht, haben sich vom 31. Mai bis 6. Juni 2018 in Novi Sad, der Hauptstadt der serbischen Provinz Vojvodina, zur Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) getroffen. Die vier Mitgliedskirchen der KEK in Serbien – die Serbische Orthodoxe Kirche, die eine starke Mehrheit repräsentiert, die Ungarische Reformierte Kirche, die Slowakisch-Evangelische Kirche A. B. und die Methodistische Kirche – haben dazu eingeladen. Die KEK wurde 1959, mitten im Kalten Krieg, von den europäischen Kirchen als Instrument zur Förderung des Friedens und zur Bewahrung der Einheit des Kontinents gegründet. Die Vojvodina ist eine der multikulturellsten Regionen Europas. Der ethnische, kulturelle und religiöse Pluralismus ist das Ergebnis der bewegten Geschichte dieser Region, die bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte, und die eine lange Zeit die Grenze zum Osmanischen Reich gebildet hatte. Die Stadt, durch die die Donau fließt, war auch Opfer der NATO-Bombardierungen anlässlich des Kosovo-Kriegs 1999. Insbesondere die Brücken über die Donau wurden von der NATO zerstört, um die Verschiebung und Versorgung der Truppen zu verlangsamen. Heute befindet sich Serbien in der Vorbereitungsphase eines Beitritts zur Europäischen Union.

Die letzte KEK-Vollversammlung hatte 2013 in Budapest, Ungarn, stattgefunden. Damals haben die Kirchen nicht ohne eine lange und schwierige Diskussionen eine neue Verfassung angenommen, welche die Strukturen vereinfachte, die Kompetenzen der diversen Organe klärte und auch den Umzug des Zentralsekretariats von Genf nach Brüssel implizierte. Mehrere personelle Veränderungen haben die Aufgabe des in Budapest gewählten Rats verkompliziert, die im Wesentlichen darin bestand, die dort getroffenen Entscheidungen umzusetzen und die notwendigen Anpassungen vorzunehmen. Der Bericht des Rats, der vom anglikanischen Bischof Christopher Hill, von Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Frankreich vom Ökumenischen Patriarchat und der lutherischen Pastorin Karin Burstrand von Stockholm redigiert wurde, wurde also mit einem gewissen Interesse erwartet. Manch einer hatte eine quasi traumatische Erinnerung an die letzte Versammlung, an der das geistliche Leben und die Begegnung unterschiedlicher kontextueller Realitäten in Europa durch endlose Verhandlungen über juridische Texte getrübt wurden.

Die KEK wird durch das Prinzip eines annähernden Gleichgewichts zwischen den drei konfessionellen Familien strukturiert und organisiert: Orthodoxe und Orientalische (30 Delegierte), Anglikaner und Christkatholische (16 Delegierte) und Protestanten (Lutheraner, Reformierte, Unierte, Baptisten, Methodisten – 91 Delegierte). Die Russische Orthodoxe Kirche hat ihre Teilnahme vor fast zehn Jahren suspendiert, und die orthodoxen Kirchen Bulgariens und Georgiens haben die KEK kurz nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Regime verlassen, was die schwache orthodoxe Vertretung erklärt. Nennenswert ist auch, dass sieben von 115 Mitgliedkirchen mehr als 75 Prozent des Budgets finanzieren – sechs protestantische, vor allem nordische, und die anglikanische Kirche. Drei Schweizer Kirchen sind Mitglied der KEK: der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK (3 Delegierte), die Methodistische Kirche (1 Delegierter) und die christkatholische Kirche (1 Delegierter).

Gastfreundschaft und Zeugnis

Die Eröffnungsfeier der Versammlung gab die Grundstimmung bestens wieder. Sie fand im Freien in Anwesenheit von Patriarch Irinej von Belgrad statt, auf einem der Plätze in der Stadtmitte, umgeben von Terrassen und Zaungästen. Alle Konfessionen, die in der Vojvodina präsent sind, nahmen sichtbar teil, und alle Sprachen von Pfingsten waren zuhören. Das folgende Buffet war ebenfalls für alle Passanten zugänglich und demonstrierte den Willen der Kirchen, alle Menschen willkommen zu heißen. Die Versammlung zum Thema „Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1,8) hat die Arbeit zu drei Schlüsselworten strukturiert: Gastfreundschaft, Gerechtigkeit und Zeugnis. Diese wurden in verschiedenen Formaten durchdekliniert (Vollversammlungen, Podien, Ateliers, regionale oder konfessionelle Treffen). Zudem mussten die Mitgliedskirchen die statutarische Arbeit einer solchen Konferenz leisten: Berichte, Abrechnungen, Statutenänderungen, Wahlen usw. Zum neuen Präsidenten wurde Christian Krieger, Präsident der Reformierten Kirche von Elsass-Lothringen gewählt; die beiden Vize-Präsidenten sind die anglikanische Bischöfin Gulnar Francis-Dehqani (mit iranischen Wurzeln) und Metropolit Kleopas (Strongylis) von Schweden und ganz Skandinaviens vom Ökumenischen Patriarchat.

Das Thema „Zeugnis“ hat die ganze Versammlung dominiert. Dieses Thema ist zurzeit sehr tragend im ökumenischen Umfeld, wie man auch anlässlich der Konferenz für Weltmission und Evangelisation des Ökumenischen Rats der Kirchen in Arusha, Tansania, in diesem Frühling oder anlässlich der Versammlung des Global Christian Forum in Bogota vor einigen Wochen sehen konnte. Das Thema ist auch unter der Bezeichnung „transformative discipleship“ im Zentrum der Aufmerksamkeit von Hilfs- und Entwicklungswerken. Es handelt sich um eine neue Art und Weise, den ökumenischen Dialog voranzutreiben: nicht nur durch den globalen dogmatischen Dialog, der eher blockiert ist, nicht nur durch sektorielle und bilaterale Annäherungen wie zwischen dem Vatikan und dem Lutherischen Weltbund anlässlich von 500 Jahren Reformation 2017, und nicht nur durch gemeinsame Aktionen in kriegszerstörten Regionen der Welt. Indem man das Thema „Zeugnis“ profiliert, möchte man darauf aufmerksam machen, dass die christliche Existenz oder die Präsenz der Kirchen im öffentlichen Raum in Europa nicht mehr so offensichtlich sind wie bisher. Die Kirchen sind aufgerufen, ihre Komfortzonen zu verlassen und sich einzubringen, durch ihre Handlungen sichtbar zu werden, und zwar nicht mehr bloß durch ihre Gebäude, ihre Institutionen und ihr bezahltes Personal. Angesichts der Säkularisierung des Kontinents und des Einflussverlusts der Kirchen ist das Zeugnis ein Motor für die Ökumene, weil es die theologischen Differenzen vereinfacht zugunsten einer Bestätigung des Wesentlichen im gemeinsamen Glauben an Christus. Das ist umso notwendiger als die gesellschaftlichen Herausforderungen zahlreicher geworden sind: Migrationen, europäische Krisen, Populismus und Protektionismus usw. Antje Jackelen, lutherische Erzbischöfin in Uppsala, konnte so ihren Beitrag mit einem Zitat des verstorbenen Kardinals Karl Lehmann einleiten: „Der Christ der Zukunft wird ein Zeuge sein oder er wird bald nicht mehr sein.“ Und Justin Welby, Erzbischof von Canterbury, fügte dem hinzu: „Die Angst ist die größte Gefahr für Europa und auch für das christliche Zeugnis.“ Das Zeugnis war der rote Faden der verschiedenen Beiträge zu Themen der Migration (Gastfreundschaft) und der Gerechtigkeit (europäische Integration).

Wiedergefundene Normalität

Ein Mix von Genres für die Gruppenzusammensetzung und Beitragsarten sowie die Sorge darum, der Jugend einen echten Platz einzuräumen (zum ersten Mal wurde eine Vorversammlung der Jugend organisiert), haben stark dazu beigetragen, der Versammlung Dynamik zu verleihen und die Dimension der Hoffnung unter den Teilnehmenden zu stärken. Die Vorträge im Plenum von großem spirituellen und theologischen Gehalt, glaubwürdige Zeugnisse und durchdachte Feierlichkeiten haben bei den Teilnehmenden die Überzeugung gestärkt, eine große Familie von Zeugen auf dem ganzen Kontinent zu sein, die – wie der barmherzige Samariter – das tun, wozu sie fähig sind, um Zeugen zu sein, und nicht das, was sie nicht tun können oder vermögen (Justin Welby). Es war also eine schöne Versammlung, eine Rückkehr zur Normalität mit dem Reichtum der verschiedenen Traditionen, einer Öffnung für die Entdeckung der Unterschiede im Dialog. Die Empfindung der Rückkehr zur Normalität betrifft auch die Finanzen, die schwarze Zahlen und einen wiederhergestellten Reservefonds vorweisen.

Offene Fragen für die Zukunft

Mit Blick auf die Zukunft lassen sich nach Novi Sad mehrere Einsichten festhalten und einige Grundsatzfragen stellen:

  • Die Zukunft Europa und die Wichtigkeit nationaler und regionaler Ziele
    Seit je her will die KEK die Stimme der Kirchen bei den europäischen Institutionen in Brüssel (EU) und in Straßburg (Europarat, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) sein. Mehrere Arbeitsgruppen folgen den Entwicklungen gewisser Aktionsbereiche der EU und intervenieren bei der Ausarbeitung und Diskussion der EU-Gesetzgebung. Regelmäßige Treffen auf verschiedenen Ebenen mit europäischen Vertretern charakterisieren den Terminkalender. Aufgrund von Verwerfungen und Krisen der letzten Jahre hat die KEK – kurz vor dem Brexit – mit einem „offenen Brief“ an die Mitglieder einen Konsultationsprozess über die Zukunft Europas und die Rolle der Kirchen lanciert. Dieser wurde begrüßt und im Rahmen einiger regionaler Treffen diskutiert. Das Programm von Novi Sad verkündete die Diskussion eines neuen Dokuments über Europa als Ergebnis dieses Prozesses. Doch der Berg hat eine Maus geboren und das eingereichte, eher allgemein gehaltene und fade Dokument, hat quasi keinerlei Reaktion hervorgerufen. Dasselbe passierte bei der Podiumsdiskussion. Durch einen unglücklichen Zufall (?) wurde die angekündigte Teilnahme von Frans Timmermanns, Vize-Präsident der Europäischen Kommission, im letzten Moment abgesagt, und der Vortrag von Mairead McGuiness, Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments, wurde durch eine im Voraus aufgezeichnete Videobotschaft ersetzt. Der Tätigkeitsbericht der KEK selbst bestätigte die wachsende Schwierigkeit des institutionellen Dialogs mit der EU und das sinkende Interesse der EU an den Kirchen und Religionen. Die Diskussion mehrerer Dokumente im Plenum und in Gruppen hat jedoch die wachsende Wichtigkeit der nationalen Themen, die die Kirchen im Zugang zu den europäischen Dossiers verfolgen, bestätigt wie auch ihr Interesse an regionalen Treffen: Souveränität, Nationalismus und Identität sind die Themen, die auch die Kirchen prägen.
  • Die programmierte Obsoleszenz der Charta Ecumenica
    Die KEK hatte die Kirchen zudem gebeten, die Rezeption der Charta Ecumenica zu evaluieren, die 1999 von der KEK und dem Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) unterzeichnet worden war. 27 Antworten sind zurückgekommen, eine recht hohe Zahl. Doch fast die Hälfte von ihnen stammt aus den deutschen Kirchen, der Rest von den Kirchen Mittel- und Nordeuropas, die an der Redaktion der Charta Ecumenica teilgenommen hatten. Eine einzige Antwort kam aus dem Süden, keine von den orthodoxen Kirchen…
  • Migration und Gastfreundschaft
    Das andere dominante Thema war natürlich das der Migration, mit Beispielen von Aktionen zahlreicher Kirchen, die auf den Exilrouten Gastfreundschaft angeboten haben. Beispielhafte, effiziente, nachhaltige und bewundernswerte Aktionen, die aber die harte geopolitische Realität nicht überdecken konnten, und auch nicht die politische Instrumentalisierung der Präsenz der Migranten wie auch nicht die Tatsache, dass Gastfreundschaft allein nicht ausreicht, um dauerhaft auf die aktuellen Migrationsflüsse in der nördlichen Hemisphäre zu regulieren.
  • Die Parallelwelt der Orthodoxen und die ökumenische Realpolitik
    Der christliche Kulturschock zwischen Ost und West ist bereits mehrmals spürbar geworden. Es ist wünschenswert, dass die KEK eine gute Methode findet, um die Sache in den nächsten Jahren zum Thema einer tiefergreifenderen Diskussion zu machen. Auch hier ließ sich spüren, dass der lange ökumenische Atem dünner geworden ist: Sei es auf der Ebene der Programmpunkte oder der Wahlen, so haben die orthodoxen Delegationen immer wieder die Regeln der KEK ignoriert oder den Rahmen der Konferenz benutzt, um sich über die (westliche) Politik zu beklagen. Der große theologische Konflikt zwischen Orthodoxen und Nicht-Orthodoxen ist plötzlich per Zufall bei der Verwendung des Wortes „Kirche“ in der Präambel der neuen Verfassung wieder aufgetaucht, das man durch „Mitgliedskirchen“ ersetzen musste. Die Griechen drohten damit, die KEK zu verlassen, falls ihr Kandidat nicht in den Rat gewählt werde; ein junger orthodoxer Theologe bestätigte in einem der Ateliers in aller Ehrlichkeit, dass es weder einen echten theologischen Dialog noch eine Suche nach einer möglichen Einheit mit den Protestanten gebe, und dass der orthodoxe theologische Diskurs über die Einheit ein Köder sei, der seitens der Protestanten falsche Hoffnungen wecke. Das Panorthodoxe Konzil auf Kreta hat offensichtlich zu einer größeren dogmatischen Strenge geführt. Es fragt sich, was das längerfristig für die KEK bedeutet.
  • Schließlich war die Versammlung darum bemüht, die 2013 in Budapest begonnene Reform weiterzuverfolgen und abzuschließen, um der KEK eine neue Identität zu verleihen. Das geschieht unter anderem durch die Neudefinition der Arbeitsinstrumente, durch die Unterscheidung verschiedener Versammlungs- und Begegnungsformate (regionaler, feierlicher, jünger…), durch eine realistischere Zielsetzung, die sich nicht anmaßt, Probleme unversöhnlicher Positionen zu Themen wie Säkularisierung, die Trennung von Staat und Kirche, Pluralismus, Stellung der Frauen, Fragen der Ethik über Anfang und Ende des Lebens zu lösen. Auf andere, in den letzten Jahren entstandene Initiativen wie die European Christian Convention oder das Global Christian Forum ist da und dort hingewiesen worden. Die nächste KEK-Versammlung soll 2023 stattfinden.

Pfr. Serge Fornerod, Leiter Aussenbeziehungen des SEK, Mitglied der Strategy and Policy reference committee der Vollversammlung in Novi sad

Übersetzung aus dem Französischen: Regula Zwahlen

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